Das Wichtigste in Kürze
- Was ist ein IPO?: Erfahre, was einen Börsengang ausmacht und welche Rechtsformen sowie Mindestanforderungen in Deutschland gelten.
- Ablauf in drei Phasen: Verstehe, wie Konzeption, Umsetzung und Platzierung ablaufen – von der Beraterauswahl bis zur Erstnotiz.
- Kosten eines Börsengangs: Finde heraus, warum IPO-Kosten zwischen 6 % und 12 % des Emissionserlöses liegen und wer den größten Anteil kassiert.
- Rendite am ersten Handelstag: Vergleiche, warum institutionelle Investoren im Schnitt +12,8 % erzielen, Privatanleger aber nur +1,3 %.
- Langfristige Underperformance: Lerne, warum IPO-Aktien den Markt nach 3 Jahren im Schnitt um über 20 Prozentpunkte verfehlen.
- Deutscher IPO-Markt 2023/2024: Überblick über die schwachen Börsenjahre mit durchschnittlich –16 % bzw. –18 % Kursentwicklung.
- Bewertungsmethoden beim IPO: Erfahre, welche drei Methoden den Emissionskurs bestimmen und wo ihre Stärken liegen.
- Häufige Fragen zum IPO: Antworten auf die wichtigsten Fragen rund um Börsengang, Kosten, Dauer und Anlegerstrategie.
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Was ist ein IPO? Definition und Grundlagen des Börsengangs
Ein IPO – kurz für Initial Public Offering – ist der erstmalige Verkauf von Unternehmensanteilen an der Börse. Damit wechselt ein bislang privates Unternehmen in den Status einer börsennotierten Aktiengesellschaft. Für das Unternehmen bedeutet das: Zugang zu frischem Kapital, erhöhte Sichtbarkeit und eine neue Dimension an Transparenzpflichten.
In Deutschland sind für einen Börsengang nur drei Rechtsformen zugelassen: die Aktiengesellschaft (AG), die Kommanditgesellschaft auf Aktien (KGaA) und die Europäische Aktiengesellschaft (SE). Rund 90 % aller börsennotierten deutschen Unternehmen haben die AG gewählt – sie ist die unkomplizierteste und bekannteste Form.
Bevor ein Unternehmen überhaupt an die Börse gehen kann, muss es sogenannte Börsenreife erreichen. Das ist keine einzelne Kennzahl, sondern ein Bündel aus rechtlichen, organisatorischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen. Konkret heißt das: Das Unternehmen muss mindestens drei Jahre bestehen, ausreichendes Eigenkapital vorweisen und einen definierten Streubesitzanteil (Free Float) sicherstellen. Dazu kommt die Pflicht zur Rechnungslegung nach IFRS sowie die Fähigkeit, laufende Transparenz- und Berichtspflichten dauerhaft zu erfüllen.
Ein zentrales regulatorisches Instrument ist die Prospektpflicht. Sobald ein Unternehmen seine Aktien öffentlich an mehr als 100 Privatpersonen anbietet, muss es einen vollständigen Wertpapierprospekt erstellen. Dieser Prospekt wird von der BaFin – der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht – geprüft und gebilligt, bevor er veröffentlicht werden darf. Der Prospekt enthält alle wesentlichen Informationen über das Unternehmen, seine Finanzlage, Risiken und die Konditionen des Angebots.
Eine weitere Schlüsselrolle spielen die sogenannten Underwriter. Das sind emissionsbegleitende Investmentbanken, die den gesamten Börsengang strukturieren, vermarkten und die Aktienplatzierung garantieren. Der Konsortialführer – also die federführende Bank – schlägt auch den rechtlichen Berater des Konsortiums vor. Dieser sogenannte Underwriters‘ Counsel erstellt das Underwriting Agreement und führt eine umfassende rechtliche Due Diligence durch.
Nach dem eigentlichen Börsengang ist der Prozess noch nicht abgeschlossen. Für typischerweise rund einen Monat kann der Designated Sponsor kurspflegend eingreifen – das nennt sich Greenshoe-Option oder Stabilisierungsperiode. Ziel ist es, starke Kursschwankungen unmittelbar nach der Erstnotiz zu dämpfen und das Vertrauen der Investoren zu stärken.
Besonders interessant ist das Phänomen des Underpricings: Emittenten setzen den Ausgabepreis häufig bewusst unter dem erwarteten ersten Börsenkurs an, um die Nachfrage zu sichern. Am Neuen Markt zwischen 1997 und 2000 lag dieses Underpricing im Durchschnitt bei sagenhaften 49,98 % – gemessen über 319 Börsengänge. Das bedeutet: Wer zum Emissionspreis kaufen konnte, erzielte am ersten Handelstag im Schnitt fast 50 % Rendite. Doch dazu später mehr.
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Ablauf eines Börsengangs: Die drei Prozessphasen
Ein Börsengang ist kein spontanes Ereignis. Er folgt einem strukturierten Prozess, der sich in drei klar abgegrenzte Phasen unterteilt. Von der ersten strategischen Entscheidung bis zur Erstnotiz vergehen typischerweise 6 bis 12 Monate – laut den Vorgaben der Deutschen Börse häufig sogar 9 bis 12 Monate. Wer diesen Zeitaufwand unterschätzt, riskiert einen holprigen Start.
Phase 1: Konzeptionsphase
Am Anfang steht die strategische Vorbereitung. Das Unternehmen prüft, ob es überhaupt börsenreif ist, wählt geeignete Berater aus und entwickelt ein Emissionskonzept. Dazu gehört die Rechtsformprüfung (AG, KGaA oder SE?), die Festlegung der Equity Story – also der überzeugenden Wachstumsgeschichte für Investoren – sowie die Auswahl des Börsensegments. Schon in dieser Phase werden die Weichen für den Erfolg gestellt.
Phase 2: Umsetzungsphase
In der zweiten Phase wird es konkret. Wirtschaftsprüfer, Rechtsanwälte und Investmentbanken führen eine umfassende Due Diligence durch – eine detaillierte Prüfung der wirtschaftlichen, rechtlichen und steuerlichen Verhältnisse des Unternehmens. Parallel dazu entsteht der Wertpapierprospekt, der anschließend bei der BaFin zur Billigung eingereicht wird. Außerdem wird das Börsensegment endgültig festgelegt: Prime Standard, General Standard oder Scale – je nach Größe und Transparenzanspruch des Unternehmens.
Phase 3: Platzierungsphase
Die dritte Phase ist die sichtbarste. Das Management begibt sich auf eine Roadshow – eine Präsentationsreise zu institutionellen Investoren in den wichtigsten Finanzzentren. Typischerweise dauert diese Phase ein bis zwei Wochen. Das Ziel: Nachfrage ermitteln, Vertrauen aufbauen und die Preisspanne für die Aktien festlegen.
Auf Basis der Roadshow-Ergebnisse und des sogenannten Bookbuilding-Verfahrens wird der endgültige Emissionskurs bestimmt. Beim Bookbuilding sammeln die Underwriter Kaufaufträge institutioneller Investoren innerhalb einer festgelegten Preisspanne. Danach folgt die Zuteilung der Aktien – institutionelle Investoren werden dabei bevorzugt bedient. Privatanleger erhalten oft nur einen Bruchteil der beantragten Aktien oder gehen leer aus.
Von der Buchbildung bis zur Erstnotiz vergehen in der Regel nur noch ein bis zwei Wochen. Mit der Erstnotiz – dem ersten öffentlichen Handel der Aktie an der Börse – ist der eigentliche IPO-Prozess abgeschlossen. Was dann folgt, sind die laufenden Pflichten als börsennotiertes Unternehmen: Quartalsberichte, Hauptversammlungen, Ad-hoc-Meldungen und die kontinuierliche Investor-Relations-Arbeit.
Der Underwriters‘ Counsel spielt während der gesamten Umsetzungs- und Platzierungsphase eine wichtige Rolle. Er erstellt das Underwriting Agreement – den Vertrag zwischen dem Emittenten und den Banken – und stellt sicher, dass alle rechtlichen Anforderungen erfüllt sind. Ohne diesen Vertrag kann kein Börsengang stattfinden.
📌 Good to know
Die Roadshow ist nicht nur Marketing – sie ist auch das wichtigste Instrument zur Preisfindung. Je stärker die Nachfrage der institutionellen Investoren, desto höher kann der Emissionskurs angesetzt werden. Ein schwaches Roadshow-Ergebnis kann dazu führen, dass der IPO verschoben oder sogar abgesagt wird.
Kosten eines Börsengangs: Was Unternehmen einkalkulieren müssen
Ein Börsengang ist teuer – das ist keine Überraschung. Aber wie teuer genau? Als Faustregel gilt: Die Gesamtkosten eines IPO liegen zwischen 6 % und 12 % des Bruttoemissionserlöses. Der genaue Satz hängt stark vom Emissionsvolumen ab.
Bei kleinen Börsengängen mit einem Volumen von rund 30 Millionen Euro musst du mit Kosten von 9 % bis 12 % rechnen. Bei großen Emissionen über 500 Millionen Euro sinkt der Satz tendenziell in Richtung 6 % – Skaleneffekte machen sich hier deutlich bemerkbar. Im mittleren Segment zwischen 50 und 500 Millionen Euro liegt der typische Kostensatz irgendwo dazwischen.
IPO-Kostensatz nach Emissionsvolumen
Der mit Abstand größte Einzelposten sind die Bankprovisionen. Die Underwriter – also die emissionsbegleitenden Investmentbanken – kassieren 50 % bis 65 % der gesamten IPO-Kosten. Ihre Provision liegt typischerweise bei 3 % bis 7 % des Emissionserlöses. Dieser Satz ist verhandelbar und hängt von der Attraktivität der Equity Story, dem Emissionsvolumen und dem Verhandlungsgeschick des Unternehmens ab.
Neben den Bankkosten fallen weitere Posten an:
- Beraterkosten: Rechtsanwälte, Wirtschaftsprüfer und die Anpassung des Berichtswesens kosten im Mittelstand typischerweise 50.000 bis 150.000 Euro.
- Kommunikationskosten: Für Investor Relations, PR und die Roadshow-Materialien solltest du rund 1 % des Emissionsvolumens einplanen – bei Volumina bis 50 Millionen Euro kann dieser Anteil auch höher ausfallen.
- Laufende Folgekosten: Nach dem Börsengang kommen jährliche Kosten für Hauptversammlungen, Transparenzpflichten, Wirtschaftsprüfung und Börsengebühren hinzu. Diese werden oft unterschätzt.
Der Zeitaufwand für die Vorbereitung beträgt bis zu einem Jahr. Das ist nicht nur eine Frage der Bürokratie – es geht auch darum, das Unternehmen intern auf die Anforderungen als börsennotierte Gesellschaft vorzubereiten. Neue Reporting-Strukturen, ein erweiterter Vorstand, eine professionelle Investor-Relations-Abteilung: All das kostet Zeit und Geld, noch bevor die erste Aktie ausgegeben wird.
💡 Tip
Verhandle die Underwriter-Provision aktiv. Bei attraktiven Unternehmen mit starker Equity Story ist eine Provision am unteren Ende der Bandbreite (3–4 %) durchaus realistisch. Das kann bei einem Emissionsvolumen von 100 Millionen Euro schnell 3 Millionen Euro Unterschied bedeuten.
IPO-Rendite am ersten Handelstag: Institutionelle vs. Privatanleger
Der erste Handelstag eines Börsengangs ist oft spektakulär. Im Durchschnitt stiegen US-amerikanische IPO-Aktien zwischen 1980 und 2025 am ersten Handelstag um +19,0 %. Das klingt verlockend – aber wer profitiert wirklich davon?
Die Antwort ist ernüchternd für Privatanleger. Der entscheidende Unterschied liegt im Einstiegskurs:
- Institutionelle Investoren erhalten Aktien zum IPO-Preis zugeteilt – also zu dem Kurs, der nach der Roadshow festgelegt wurde. Zwischen 2000 und 2020 erzielten sie damit am ersten Handelstag eine durchschnittliche Rendite von +12,0 % bis +13,6 %.
- Privatanleger können erst zum ersten Börsenkurs kaufen – also zur Eröffnung oder im Tagesverlauf. Zu diesem Zeitpunkt ist der Großteil des Kursanstiegs bereits eingepreist. Ihre durchschnittliche Rendite am ersten Handelstag lag zwischen 2000 und 2020 bei mageren +1,3 %.
Ø Rendite am ersten Handelstag: Institutionelle vs. Privatanleger (2000–2020)
Noch aufschlussreicher ist ein Blick auf die Häufigkeit: Von über 3.600 IPOs zwischen 2000 und 2020 stiegen 68,2 % vom IPO-Preis bis zum Schlusskurs des ersten Handelstages. Das klingt gut – aber für Privatanleger ist das irrelevant. Relevant ist das Fenster von der Eröffnung bis zum Schluss: Hier stiegen nur noch 48,2 % der IPO-Aktien. Das entspricht ungefähr einem Münzwurf.
Interessant ist auch der Unterschied zwischen profitablen und unprofitablen Unternehmen. Aktien von Unternehmen, die zum Zeitpunkt des IPO noch keine Gewinne schreiben, erzielten am ersten Handelstag im Schnitt +24,8 % – deutlich mehr als die +19,8 % profitabler Unternehmen. Das liegt am spekulativen Aufschlag: Wachstumsfantasie wird kurzfristig höher bewertet als solide Zahlen. Langfristig dreht sich dieses Bild allerdings um.
Langfristige IPO-Performance: Warum Börsengänge den Markt underperformen
Der erste Handelstag ist aufregend. Aber was passiert danach? Die Datenlage ist eindeutig und ernüchternd: IPO-Aktien underperformen den breiten Markt langfristig systematisch.
Wer eine IPO-Aktie zum Emissionspreis kaufen konnte und drei Jahre hält, erzielt im Durchschnitt eine absolute Rendite von +36,3 %. Das klingt gut – bis man sieht, dass der Gesamtmarkt im gleichen Zeitraum um rund 39,6 % gestiegen ist. Das ergibt eine Underperformance von –3,3 Prozentpunkten gegenüber dem Markt.
Für Privatanleger, die erst zum ersten Börsenkurs einsteigen, sieht es noch schlechter aus. Ihre durchschnittliche absolute Rendite nach drei Jahren beträgt +19,1 % – aber der Markt hat in dieser Zeit +39,6 % gemacht. Das ergibt eine Underperformance von –20,5 Prozentpunkten. Über 12 bis 36 Monate hinweg liegt die Underperformance von IPO-Aktien gegenüber dem Markt bei mehr als 2 Prozentpunkten pro Jahr – das belegen mehrere unabhängige Studien aus verschiedenen Jahrzehnten.
IPO-Rendite vs. Marktrendite nach Haltedauer (ab erstem Schlusskurs)
Auch ein breit diversifizierter Ansatz hilft kaum: Ein ETF, der die 100 größten US-amerikanischen Börsengänge abbildet und Aktien für die ersten 1.000 Handelstage hält, erzielte zwischen Oktober 2015 und September 2023 eine Rendite von +8,1 % pro Jahr in Euro. Das klingt solide – liegt aber deutlich unter der Rendite eines breiten Marktindex im gleichen Zeitraum.
Warum ist das so? Es gibt mehrere strukturelle Ursachen:
- Informationsasymmetrie: Das Unternehmen weiß mehr über seine Zukunft als die Investoren. Emittenten nutzen günstige Marktphasen für den Börsengang – also Zeiten, in denen die Bewertungen hoch sind.
- Spekulativer Ersteintrittseffekt: Der Kurssprung am ersten Handelstag spiegelt Euphorie wider, keine fundamentale Neubewertung. Diese Euphorie korrigiert sich in den folgenden Monaten.
- Overoptimismus bei der Bewertung: Wachstumsprognosen werden im IPO-Prospekt oft optimistisch formuliert. Wenn die Realität hinter den Erwartungen zurückbleibt, fällt der Kurs.
Für Deutschland ist die Datenlage ähnlich. Untersuchungen aus den Jahren 2019 und 2022 bestätigen das Muster: Auch deutsche Börsenneulinge underperformen den Markt langfristig. Das Fazit für Privatanleger ist klar: Statistisch gesehen bringt der Kauf von IPO-Aktien gegenüber einem breiten Marktinvestment keinen Vorteil – im Gegenteil.
Der deutsche IPO-Markt 2023 und 2024 im Vergleich
Der deutsche Börsenmarkt hat in den Jahren 2023 und 2024 eine ausgeprägte Schwächephase durchlebt. Beide Jahre zählen zu den schwächsten IPO-Jahren der vergangenen Dekade – gemessen an Anzahl, Volumen und Kursentwicklung der Neulinge.
IPO-Jahr 2023: Wenige Börsengänge, enttäuschende Kurse
Im Jahr 2023 wagten lediglich drei Unternehmen den Sprung in den Prime Standard – das regulierte Segment der Frankfurter Wertpapierbörse mit den höchsten Transparenzanforderungen. Das Gesamtemissionsvolumen betrug 1,9 Milliarden Euro – der zweitniedrigste Wert der vergangenen zehn Jahre.
Der mit Abstand größte Börsengang des Jahres war der von SCHOTT Pharma AG & Co. KGaA mit einem Emissionsvolumen von 935 Millionen Euro. Damit machte ein einziger IPO fast die Hälfte des gesamten Jahresvolumens aus. Die Kursentwicklung der Börsenneulinge war ausnahmslos negativ: Im Schnitt verloren die drei Neuemissionen bis Ende November 2023 rund 16 % ihres Wertes.
IPO-Jahr 2024: Leichte Erholung, aber weiter schwach
Im Jahr 2024 kamen immerhin vier Unternehmen an die Börse: die Douglas AG, die Pentixapharm Holding AG, die Springer Nature AG & Co. KGaA und die Eleving Group S.A.. Das Gesamtemissionsvolumen sank jedoch auf 1,5 Milliarden Euro – trotz einer höheren Anzahl an Börsengängen. Die durchschnittliche Kursentwicklung war mit einem Mittelwert von –18,12 % und einem Median von –17,15 % sogar noch schlechter als im Vorjahr.
| Kennzahl | 2023 | 2024 |
|---|---|---|
| Anzahl IPOs (Prime Standard) | 3 | 4 |
| Gesamtemissionsvolumen | 1,9 Mrd. € | 1,5 Mrd. € |
| Ø Kursentwicklung (Mittelwert) | –16 % | –18,12 % |
| Ø Kursentwicklung (Median) | k. A. | –17,15 % |
| Marktumfeld | schwach | schwach |
Betrachtet man den Zeitraum von 2019 bis 2023 insgesamt, ergibt sich ein weiteres ernüchterndes Bild: Nur 38 % aller Börsengänge im Prime Standard erzielten im jeweiligen IPO-Jahr einen positiven Kursgewinn. Mehr als sechs von zehn Neuemissionen schlossen das Jahr schlechter ab als ihren Ausgabepreis.
Die Gründe für die anhaltende Schwäche sind vielfältig: gestiegene Zinsen, geopolitische Unsicherheiten, eine verhaltene Risikobereitschaft institutioneller Investoren und ein allgemein schwieriges Bewertungsumfeld für Wachstumsunternehmen. Viele potenzielle Kandidaten haben ihre Börsenpläne auf 2025 oder 2026 verschoben – in der Hoffnung auf ein freundlicheres Marktumfeld.
Bewertungsmethoden beim IPO: Wie der Emissionskurs entsteht
Einer der heikelsten Schritte im gesamten IPO-Prozess ist die Unternehmensbewertung. Sie bestimmt, zu welchem Preis die Aktien ausgegeben werden – und damit, wie viel Kapital das Unternehmen einsammelt. Zu hoch angesetzt, und die Aktie fällt am ersten Handelstag. Zu niedrig, und das Unternehmen verschenkt Geld.
In der Praxis kommen drei Hauptmethoden zum Einsatz:
Discounted Cashflow (DCF)
Die DCF-Methode ist international die dominierende Bewertungsmethode. Sie berechnet den Unternehmenswert, indem zukünftige Cashflows auf ihren heutigen Wert abgezinst werden. Der Vorteil: Sie berücksichtigt die individuelle Wachstumsdynamik und Profitabilität des Unternehmens. Der Nachteil: Sie ist hochgradig sensibel gegenüber den verwendeten Annahmen – kleine Änderungen beim Diskontierungszinssatz oder den Wachstumsraten können den Unternehmenswert um Milliarden verschieben. In Deutschland erkennt das Institut der Wirtschaftsprüfer (IDW) die DCF-Methode gleichberechtigt neben dem Ertragswertverfahren an.
Multiplikator-Methoden
Multiplikator-Methoden vergleichen das zu bewertende Unternehmen mit börsennotierten Wettbewerbern. Gängige Kennzahlen sind das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), EV/EBITDA, EV/EBIT und Umsatzmultiplikatoren. Diese Methode ist schnell und marktbasiert – sie spiegelt wider, was Investoren aktuell für vergleichbare Unternehmen zu zahlen bereit sind. Allerdings setzt sie voraus, dass geeignete Vergleichsunternehmen (Peers) existieren und der Markt diese fair bewertet.
Ertragswertverfahren
Das Ertragswertverfahren ist das klassische deutsche Standardverfahren nach IDW S1. Es basiert auf den zukünftigen Erträgen des Unternehmens und diskontiert diese auf den Bewertungsstichtag. Es ähnelt dem DCF-Ansatz, legt aber stärker auf buchhalterische Ertragsgrößen als auf Cashflows. In der Praxis werden beim IPO meist mehrere Methoden kombiniert, um eine robuste Bewertungsbandbreite zu ermitteln.
| Methode | Ansatz | Stärke | Schwäche |
|---|---|---|---|
| Discounted Cashflow (DCF) | Abzinsung zukünftiger Cashflows | Individuell, zukunftsorientiert | Sehr annahmenabhängig |
| Multiplikator-Methoden | Vergleich mit börsennotierten Peers | Marktbasiert, schnell | Abhängig von Peer-Qualität |
| Ertragswertverfahren (IDW S1) | Abzinsung zukünftiger Erträge | Deutsches Standardverfahren | Weniger cashflowbasiert |
In der Praxis ist die Bewertung beim IPO auch ein Verhandlungsprozess. Das Unternehmen möchte einen möglichst hohen Preis erzielen, die Underwriter möchten die Platzierung sicherstellen und setzen daher auf ein gewisses Underpricing. Institutionelle Investoren wiederum verhandeln in der Roadshow über die Preisspanne. Das Ergebnis ist ein Kompromiss – und erklärt, warum Underpricing ein so stabiles Phänomen ist.
Häufig gestellte Fragen
Was ist ein IPO und was bedeutet Börsengang?
Ein IPO (Initial Public Offering) ist der erstmalige Verkauf von Unternehmensanteilen an der Börse. Damit wechselt ein privates Unternehmen in den Status einer börsennotierten Aktiengesellschaft und erhält Zugang zu öffentlichem Kapital.
Wie lange dauert ein Börsengang von der Entscheidung bis zur Erstnotiz?
Typischerweise dauert ein Börsengang 6 bis 12 Monate. Laut Deutschen Börse sind es häufig 9 bis 12 Monate. Die Dauer hängt von Unternehmensgröße, Marktlage und regulatorischen Anforderungen ab.
Was kostet ein Börsengang?
Die Gesamtkosten eines IPO liegen zwischen 6 % und 12 % des Bruttoemissionserlöses. Bei kleinen Emissionen um 30 Millionen Euro sind es bis zu 12 %, bei großen über 500 Millionen Euro tendenziell rund 6 %. Bankprovisionen machen 50–65 % der Gesamtkosten aus.
Lohnt sich der Kauf von IPO-Aktien für Privatanleger?
Statistisch nein. Privatanleger kaufen erst zum ersten Börsenkurs und erzielen am ersten Handelstag im Schnitt nur +1,3 % Rendite. Langfristig underperformen IPO-Aktien den Markt um mehr als 2 Prozentpunkte pro Jahr.
Was ist der Unterschied zwischen Underpricing und Underperformance beim IPO?
Underpricing bezeichnet den Kurssprung am ersten Handelstag: Der Emissionskurs liegt bewusst unter dem ersten Börsenkurs. Underperformance beschreibt die langfristige Schwäche: IPO-Aktien entwickeln sich über Monate und Jahre schlechter als der Gesamtmarkt.
Welche Voraussetzungen muss ein Unternehmen für einen IPO in Deutschland erfüllen?
Das Unternehmen braucht eine geeignete Rechtsform (AG, KGaA oder SE), mindestens drei Jahre Unternehmensbestand, ausreichendes Eigenkapital, einen definierten Free Float, einen BaFin-gebilligten Wertpapierprospekt und IFRS-Rechnungslegung.
Wie war der deutsche IPO-Markt in den Jahren 2023 und 2024?
Sehr schwach: 2023 gab es nur drei IPOs mit 1,9 Milliarden Euro Volumen und einer durchschnittlichen Kursentwicklung von –16 %. 2024 kamen vier Unternehmen an die Börse, das Volumen sank auf 1,5 Milliarden Euro, die Kursentwicklung betrug im Mittel –18,12 %.















