Die deutsche Wirtschaft wächst im laufenden Jahr voraussichtlich um 1,3 Prozent, wie führende Wirtschaftsforschungsinstitute prognostizieren. Diese Prognose liegt deutlich über der Frühjahrsprognose von 0,6 Prozent. Oliver Holtemöller vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle warnt jedoch, dass der Aufschwung auf einem fragilen Fundament steht und hauptsächlich durch staatliche Kreditaufnahme getragen wird.
Prognosen der Forschungsinstitute
Fünf führende Institute haben ihre Wachstumsprognosen nach oben korrigiert:
- Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung
- Ifo-Institut
- Kiel Institut für Weltwirtschaft
- Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle
- RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Essen
Für 2027 erwarten die Institute ein BIP-Wachstum von 1,1 Prozent, für 2028 lediglich 0,4 Prozent. Die Verlangsamung begründen die Forscher mit strukturellen Problemen: schrumpfendes Arbeitskräfteangebot, Kapazitätsgrenzen der Unternehmen, steigende Energiekosten und wachsende Sozialversicherungsbeiträge.
Staatliche Impulse als Wachstumstreiber
Stefan Kooths vom Kieler Institut für Weltwirtschaft stellt fest, dass das Wachstum seit 2019 fast ausschließlich aus staatlich geprägten Wirtschaftssektoren resultiert. Das Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität sowie zusätzliche Kreditmöglichkeiten im Verteidigungsbereich setzen starke Impulse. Kooths warnt: „Der Staat tut mehr als genug zur Ankurbelung.“
Kritik an weiterer Verschuldung
Die Experten lehnen zusätzliche staatliche Verschuldung ab. Der geplante flächendeckende Tankrabatt wird kritisch betrachtet, da er keinen finanzpolitischen Spielraum bietet. Die Institute fordern stattdessen Kürzungen bei Staatsausgaben und sprechen sich gegen Steuererhöhungen aus.
Empfehlungen für strukturelle Reformen
Holtemöller verweist auf einen Reformkatalog mit konkreten Vorschlägen: Begrenzung der Sozialversicherungsbeiträge, stärkere Arbeitsanreize für ältere Arbeitnehmer, verstärkter Einsatz von Preissignalen in der Energiewende und Digitalisierung der Verwaltung. Kooths fordert konsistente politische Entscheidungen, da das ständige Ankündigen und Verschieben von Reformpaketen Investoren verunsichere.
Vertrauenskrise trotz positiver Stimmungsindikatoren
Obwohl der Ifo-Geschäftsklimaindex Höchstwerte seit mehr als drei Jahren erreichte, bleiben privater Konsum und Unternehmensinvestitionen hinter den Erwartungen zurück. Die Forscher betonen: Die Stimmung ist schlechter als die tatsächliche Lage. Kooths warnt, dass ohne klare politische Rahmenbedingungen dem privaten Sektor die nötige Dynamik fehle.
