Themen in diesem Artikel:
- Definition: So viele junge Aktien stehen dir je Altaktie zu.
- Berechnung: Formel für Verhältnis und Bezugsrechtswert mit Beispiel.
- Vorkaufsrecht: Wie das Bezugsrecht dich vor Verwässerung schützt.
- Optionen: Ausüben, verkaufen, verfallen lassen oder Ausschluss.
- Optionsscheine: Was das Bezugsverhältnis bei Derivaten bedeutet.
Das ist das Bezugsverhältnis
Wenn eine Aktiengesellschaft eine Kapitalerhöhung beschließt, gibt sie häufig neue Aktien aus – diese werden als junge Aktien bezeichnet. Durch die größere Zahl an Anteilsscheinen würde der prozentuale Anteil, den ein bestehender Aktionär am Unternehmen hält, ohne Gegenmaßnahme sinken. Damit das nicht passiert, räumt das Aktiengesetz den Altaktionären ein Vorzugsrecht auf die jungen Aktien ein.
Sie dürfen so viele neue Aktien beziehen, bevor diese anderen Interessenten angeboten werden, dass ihr bisheriger prozentualer Anteil erhalten bleibt. Genau hier kommt das Bezugsverhältnis ins Spiel: Es gibt an, wie viele junge Aktien dir je gehaltener Altaktie zustehen. Ein Bezugsverhältnis von 5:1 bedeutet also, dass du für fünf alte Aktien eine neue Aktie kaufen darfst.
Warum Unternehmen ihr Kapital erhöhen
Eine Kapitalerhöhung dient dazu, frisches Eigenkapital einzusammeln. Mit dem zusätzlichen Geld kann das Unternehmen investieren, Schulden abbauen oder Übernahmen finanzieren, ohne auf Fremdkapital und damit auf Kreditzinsen angewiesen zu sein. Anders als bei einer Anleihe entsteht keine Rückzahlungspflicht. Rechtlich ist das Bezugsrecht in Paragraf 186 des Aktiengesetzes verankert. Danach steht jedem Aktionär auf Verlangen ein seinem bisherigen Anteil am Grundkapital entsprechender Teil der neuen Aktien zu. Für die Ausübung schreibt das Gesetz eine Frist von mindestens zwei Wochen vor.
Die Kapitalerhöhung selbst wird von der Hauptversammlung beschlossen, meist mit einer qualifizierten Mehrheit von mindestens drei Vierteln des vertretenen Grundkapitals. Man unterscheidet dabei mehrere Formen: die ordentliche Kapitalerhöhung gegen Einlagen, das genehmigte Kapital, mit dem der Vorstand für einen begrenzten Zeitraum vorab ermächtigt wird, sowie die bedingte Kapitalerhöhung, die etwa der Bedienung von Wandelanleihen oder Belegschaftsaktien dient. In den meisten dieser Fälle bleibt das Bezugsrecht der Altaktionäre der gesetzliche Regelfall, von dem nur unter engen Voraussetzungen abgewichen werden darf. Für dich als Anleger ist das wichtig, weil das Bezugsrecht einen wirtschaftlichen Wert hat, den du aktiv nutzen oder zumindest bewusst nicht verfallen lassen solltest.
Bezugsverhältnis und Bezugsrechtswert berechnen
Wie viele junge Aktien du mit Vorzugsrecht erwerben darfst, ergibt sich aus einer einfachen Gegenüberstellung: Die Zahl der bisherigen Aktien wird ins Verhältnis zur Zahl der neuen Aktien gesetzt. Die Formel lautet:
Bezugsverhältnis = bisherige Aktien : neue Aktien
Ein Beispiel: Ein Unternehmen hat ein Grundkapital von 500.000 Aktien und erhöht dieses um 100.000 auf 600.000 Aktien. Das Bezugsverhältnis beträgt dann 500.000 : 100.000, also 5:1. Für je fünf alte Aktien kannst du eine junge Aktie zeichnen.
Für die neuen Aktien legt das Unternehmen einen Ausgabepreis fest, den Bezugskurs. Dieser liegt meist unter dem aktuellen Börsenkurs der bereits umlaufenden Aktien, um einen Anreiz zum Kauf zu schaffen. Aus dieser Differenz lässt sich der rechnerische Wert des Bezugsrechts ableiten:
Bezugsrechtswert = (Kurs alte Aktie − Bezugskurs junge Aktie) : (Bezugsverhältnis + 1)
Notiert die alte Aktie bei 30 Euro und beträgt der Bezugskurs der jungen Aktie 10 Euro, ergibt sich bei einem Bezugsverhältnis von 5:1 folgender Wert: (30 − 10) : (5 + 1) = 3,33 Euro. Dieser Betrag ist der theoretische Preis, zu dem ein Bezugsrecht während des Bezugsrechtshandels gehandelt werden kann.
📌 Good to know
Der Vorstand gibt eine Bezugsfrist von mindestens zwei Wochen bekannt. In dieser Zeit kannst du dein Bezugsrecht ausüben oder es, sofern die Gesellschaft das zulässt, an der Börse verkaufen.
| Größe | Wert im Beispiel |
|---|---|
| Bisherige Aktien | 500.000 Stück |
| Neue Aktien | 100.000 Stück |
| Bezugsverhältnis | 5:1 |
| Kurs alte Aktie | 30 Euro |
| Bezugskurs junge Aktie | 10 Euro |
| Bezugsrechtswert | 3,33 Euro |
Das Bezugsrecht ist ein Vorkaufsrecht
Neue Aktien vergrößern die Gesamtzahl der Anteile am Unternehmen. Dadurch verteilt sich das Eigenkapital auf mehr Aktien, was den rechnerischen Wert je Aktie und häufig auch den Börsenkurs drückt. Man spricht in diesem Zusammenhang von Verwässerung: Der prozentuale Anteil eines bestehenden Aktionärs würde sinken, wenn er die jungen Aktien nicht mitzeichnet.
Genau davor schützt das Bezugsrecht. Als eine Art Vorkaufsrecht erlaubt es dir, vor allen anderen Interessenten neue Aktien zu erwerben. Machst du davon Gebrauch, bleibt dein prozentualer Besitzanteil erhalten – und damit auch dein Stimmgewicht in der Hauptversammlung. Deine Position im Unternehmen wird also nicht geschmälert.
Der Bezugsrechtshandel
Während der vom Vorstand bestimmten Bezugsfrist findet an der Börse ein eigener Bezugsrechtshandel statt. In dieser Phase werden ausschließlich die Bezugsrechte gehandelt, nicht die jungen Aktien selbst. Damit sie handelbar sind, erhalten die Bezugsrechte eine eigene Wertpapierkennnummer, kurz WKN. Wer seine Rechte nicht ausüben möchte, kann sie in diesem Zeitfenster über die Börse an andere Anleger veräußern und so den rechnerischen Wert zumindest teilweise realisieren.
Der Verkauf hat allerdings eine Kehrseite: Wer seine Bezugsrechte abgibt, hält nach der Kapitalerhöhung anteilig weniger am Unternehmen und verliert entsprechend an Stimmgewicht. Ob sich Ausüben oder Verkaufen eher lohnt, hängt von deiner Anlagestrategie, dem Kursverlauf und den Konditionen der jeweiligen Kapitalerhöhung ab.
Rein rechnerisch gleicht der Bezugsrechtswert den Kursabschlag aus, den die Altaktie am ersten Tag der Bezugsfrist erfährt. Die Aktie notiert dann „ex Bezugsrecht“, ihr Kurs sinkt also um den theoretischen Wert des abgetrennten Rechts. Wer seine Rechte verkauft, erhält für diesen Wertabschlag am Markt eine Gegenleistung. Wer sie ausübt, bringt zusätzliches Kapital ein und erhöht die Zahl seiner Aktien. In beiden Fällen gibt es rechnerisch zunächst kein geschenktes Geld – der niedrigere Bezugskurs ist kein Rabatt, sondern der Ausgleich dafür, dass mehr Aktien im Umlauf sind. Entscheidend ist am Ende, wie sich der Kurs nach der Kapitalerhöhung entwickelt und ob du an das Unternehmen langfristig glaubst.
Handlungsoptionen und Ausschluss von Bezugsrechten
Führt ein Unternehmen eine Kapitalerhöhung mit Bezugsrechten durch, werden dir die Rechte automatisch in dein Wertpapierdepot eingebucht. Annehmen musst du sie nicht – dir stehen mehrere Wege offen, wie du mit ihnen verfährst.
Deine drei Möglichkeiten
Erstens kannst du dein Bezugsrecht ausüben und die jungen Aktien zum Bezugskurs kaufen. Dein Anteil und dein Stimmrecht bleiben dann unverändert. Zweitens kannst du die Bezugsrechte verkaufen, sofern die Gesellschaft dies zulässt, und den rechnerischen Wert über die Börse vereinnahmen. Drittens kannst du die Bezugsfrist einfach verstreichen lassen. In diesem Fall verkauft die depotführende Bank die Rechte in der Regel automatisch zum dann gültigen Kurs, sofern du keine abweichende Weisung erteilst. Ein tatenloses Verfallenlassen ohne Verkauf kann dagegen zu einem vollständigen Wertverlust der Rechte führen.
Wann Bezugsrechte ausgeschlossen werden
Nicht jede Kapitalerhöhung ist mit Bezugsrechten verbunden. Die Hauptversammlung kann unter bestimmten Voraussetzungen beschließen, die Bezugsrechte auszuschließen. Sinnvoll kann das etwa sein, wenn die neuen Aktien dazu dienen, fremde Unternehmen oder Beteiligungen zu erwerben, wenn sie an einer ausländischen Börse zum Handel zugelassen werden sollen oder wenn es sich um Belegschaftsaktien für die Mitarbeiter handelt. Ein Bezugsrechtsausschluss ist an strenge sachliche Gründe gebunden, weil er die Altaktionäre benachteiligen kann.
Ein gesetzlich vereinfachter Bezugsrechtsausschluss ist zudem möglich, wenn die Kapitalerhöhung zehn Prozent des Grundkapitals nicht übersteigt und der Ausgabepreis nur geringfügig unter dem Börsenkurs liegt. In diesem Fall gilt die Verwässerung für die Altaktionäre als so klein, dass sie sich über den Markt selbst absichern können. Achte als Anleger trotzdem auf entsprechende Meldungen der Gesellschaft, denn auch kleinere Kapitalmaßnahmen können deinen Anteil und den Kurs deiner Aktien spürbar beeinflussen.
💡 Tip
Prüfe bei einer angekündigten Kapitalerhöhung frühzeitig die Bezugsfrist und die Konditionen. Verpasst du die Frist ohne Weisung an deine Bank, riskierst du einen unnötigen Wertverlust deiner Bezugsrechte.
Bezugsverhältnis bei Optionsscheinen und Zertifikaten
Der Begriff Bezugsverhältnis begegnet dir nicht nur bei Kapitalerhöhungen, sondern auch bei Derivaten wie Optionsscheinen und Zertifikaten. Dort hat er eine andere, aber verwandte Bedeutung: Er gibt an, wie viele Optionsscheine du benötigst, um rechnerisch einen einzigen Basiswert – etwa eine Aktie – zu beziehen oder abzubilden.
Ein Bezugsverhältnis von 0,1 bedeutet zum Beispiel, dass ein einzelner Optionsschein nur ein Zehntel einer Aktie abbildet. Du bräuchtest also zehn Optionsscheine, um die Kursbewegung einer ganzen Aktie nachzuvollziehen. Diese Aufteilung sorgt dafür, dass die einzelnen Papiere zu niedrigen Stückpreisen gehandelt werden können und damit auch für kleinere Anlagesummen zugänglich bleiben.
Gängig sind Bezugsverhältnisse wie 0,1, 0,01 oder 1,0, je nach Basiswert und Emittent. Bei einem hochpreisigen Index oder einer teuren Aktie wählen die Herausgeber häufig ein sehr kleines Verhältnis, damit der Preis des einzelnen Scheins überschaubar bleibt. Verwechsle das Bezugsverhältnis dabei nicht mit dem Hebel: Das Verhältnis ist eine feste technische Kennzahl des Papiers, während der Hebel angibt, wie stark der Schein prozentual auf Kursbewegungen des Basiswerts reagiert. Beide Größen hängen zusammen, beschreiben aber unterschiedliche Eigenschaften.
Warum das Verhältnis wichtig ist
Das Bezugsverhältnis fließt direkt in die Wertberechnung eines Optionsscheins ein. Der innere Wert eines Kaufoptionsscheins ergibt sich vereinfacht aus der Differenz zwischen Kurs des Basiswerts und Basispreis, multipliziert mit dem Bezugsverhältnis. Wer die Kennzahl übersieht, überschätzt leicht den tatsächlichen Hebel eines Papiers. Achte deshalb beim Vergleich mehrerer Optionsscheine immer darauf, das Bezugsverhältnis mit einzurechnen, damit die Preise vergleichbar bleiben.
Risiken im Blick behalten
Optionsscheine und Zertifikate sind Hebelprodukte und mit deutlich höheren Risiken verbunden als klassische Aktien. Ein ungünstiger Kursverlauf kann bis zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals führen. Dieser Beitrag ersetzt keine individuelle Anlage- oder Steuerberatung. Bevor du in Bezugsrechte, Aktien aus Kapitalerhöhungen oder Derivate investierst, solltest du die Produktunterlagen sorgfältig lesen und deine persönliche Risikotragfähigkeit prüfen. Mehr Grundlagenwissen findest du in unserem Bereich Geldanlagen.
Häufig gestellte Fragen
Wie wird das Bezugsverhältnis berechnet?
Das Bezugsverhältnis ist das Verhältnis von bisherigen zu neuen Aktien. Ein Unternehmen mit 500.000 Aktien, das um 100.000 auf 600.000 erhöht, hat ein Verhältnis von 500.000 : 100.000, also 5:1. Du kannst dann für fünf alte Aktien eine junge kaufen.
Was bedeutet ein Bezugsverhältnis von 20:7?
Bei einem Bezugsverhältnis von 20:7 kannst du für je 20 Aktien, die du bereits hältst, sieben junge Aktien aus der Kapitalerhöhung erwerben. Das Verhältnis beschreibt also die Relation zwischen deinem Altbestand und den neu ausgegebenen Aktien.
Muss ich mein Bezugsrecht ausüben?
Nein. Du kannst dein Bezugsrecht ausüben, es an der Börse verkaufen oder die Bezugsfrist verstreichen lassen. Verkaufst du die Rechte, sinkt allerdings dein Anteil am Unternehmen und damit dein Stimmgewicht. Ein Verfall ohne Weisung kann zum Wertverlust führen.
Was bedeutet das Bezugsverhältnis bei Optionsscheinen?
Hier gibt das Bezugsverhältnis an, wie viele Optionsscheine du für einen Basiswert benötigst. Ein Verhältnis von 0,1 heißt, dass ein Optionsschein ein Zehntel einer Aktie abbildet. Du bräuchtest also zehn Scheine, um eine ganze Aktie nachzubilden.
Wie lange läuft die Bezugsfrist?
Nach Paragraf 186 des Aktiengesetzes muss die Bezugsfrist mindestens zwei Wochen betragen. Der Vorstand gibt sie zusammen mit dem Ausgabebetrag bekannt. Innerhalb dieser Frist entscheidest du, ob du die jungen Aktien beziehst oder deine Rechte verkaufst.



