Ablenkung am Steuer verursacht mindestens 30 Prozent aller Autounfälle in Deutschland – deutlich mehr als die offiziellen Statistiken mit 1,5 Prozent ausweisen. Das zeigt eine Analyse der Unfallforscher im Allianz Zentrum für Technik (AZT). Die Studie basiert auf Computersimulationen typischer Gefahrensituationen und der Auswertung von rund 70 internationalen Studien, durchgeführt gemeinsam mit dem KI-Spezialisten Cognibit.
Auffahrunfälle: Dreifaches Risiko bei Unaufmerksamkeit
Die Simulationen zeigen konkrete Unterschiede zwischen aufmerksamen und abgelenkten Fahrern:
- Bei plötzlichem Abbremsen des Vordermanns kommt es bei abgelenkten Fahrern in 54,3 Prozent der Fälle zum Auffahrunfall
- Aufmerksame Fahrer verursachen unter gleichen Bedingungen nur in 18,2 Prozent einen Unfall
Christian Sahr, Leiter des AZT, betont: „Das Problem wird dadurch verschärft, dass viele Ablenkungen direkt im Design der Fahrzeuge integriert sind.“ Frank Sommerfeld, Chef der Allianz Sachversicherung in Deutschland, fordert: „Ablenkung sollte gesellschaftlich ebenso geächtet werden wie Alkohol am Steuer.“
Touchscreens ersetzen physische Bedienelemente
Die Autoindustrie trägt nach Einschätzung der Allianz durch verbaute Digitaltechnik zur Erhöhung der Ablenkungsgefahr bei. Die Einsparung herkömmlicher Bedienknöpfe zugunsten komplizierter Touchscreen-Menüs führt dazu, dass Fahrer entscheidende Sekunden lang nicht auf den Verkehr achten.
Sahr fordert: „Fünf sicherheitsrelevante Funktionen sollten über physische Schalter bedienbar sein: Licht, Scheibenwischer, Blinker, Warnlicht und die Scheibenbelüftung.“
Mehrheit bevorzugt klassische Bedienelemente
Eine Umfrage unter 1.200 Autofahrern zeigt: 70 Prozent bevorzugen hergebrachte Schalter und Tasten, einschließlich jüngerer Fahrer unter 30 Jahren. Gleichzeitig glauben 77 Prozent der Befragten, dass die fortschreitende Digitalisierung der Fahrzeuge zu einer Zunahme des Unfallrisikos führt.
Das AZT forscht seit Jahrzehnten zur Verkehrssicherheit und leistete in den 1970er Jahren wichtige Beiträge zur Einführung von Gurt- und Helmpflicht für Motorradfahrer.
